Am Pass zwischen Hohenburg und Wegelnburg, an der Grenze zwischen
Elsass und Pfalz, entspringt eine Quelle, die "Maidebrunnen"
genannt wird, was soviel wie "Mädchenbrunnen" bedeutet.
Wenn es in der Ferne in den Dörfern Mitternacht schlägt
und der Nachtwind sanft durch die majestätischen Buchen streicht,
erscheinen die Elfen und weißen Frauen. Dann öffnet sich
eine Tür der Hohenburg und ein wunderschönes Mädchen
kommt heraus. Langsam geht sie lautlos den Weg zur Quelle hinunter.
Ihr Körper ist in lange weiße Gewänder gehüllt
und ihre langen dunklen Haare umwallen ihren Rücken; ein magischer
Lichtschein erhellt den Weg vor ihr. Ein sanftes Lächeln umspielt
ihren Mund, ihre glänzenden Augen blicken in die Ferne und
scheinen in einen schönen Traum vertieft zu sein.
Sie setzt sich auf die Einfassung der Quelle und wäscht sich
das Gesicht mit dem Wasser, dann holt sie einen goldenen Kamm aus
ihrem Gürtel und kämmt ihr schönes Haar. Mit sanfter
Stimme beginnt sie unvermittelt ein wohlklingendes Klagelied zu
singen, das von Liebe und Schmerz handelt, und verwünscht sich,
den sanften Ritter, den sie liebte, missachtet und ungerechterweise
verspottet zu haben. Nun ist sie verbannt in die Ruinen der Burg
und muss weiterleben und auf eine neue Liebe warten. Und der junge
Mann, den sie sehnlichst erwartet, wird vielleicht kommen, jetzt,
wo der Mond sein kaltes weißes Licht um die Tannenzweige und
die Blätter von Buchen und Eichen spinnt.
Der junge Mann wird kommen - vielleicht ein Jäger auf der
Lauer, ein verspäteter Reisender oder ein fahrender Ritter;
er wird sie erlösen und ihr sein Herz schenken. Die Klage des
Mädchens erklingt weiter - wie die zarten Töne einer Harfe
- und wird immer flehender und banger, denn die Zeit vergeht. Und
dann, oje, schlägt die Glocke einer fernen Kirchturmuhr die
erste Morgenstunde. Seufzend erhebt sich das Mädchen und geht
weinend den Weg zur Hohenburg hinauf; sie sieht sich ein letztes
Mal um und verschwindet dann hinter einer kleinen Tür hinten
in der Burgruine.